Lars C. Grabbe

Lars C. Grabbe: Signale im Dataversum. Zum phänosemiotischen Potenzial der kybernetischen und informationstheoretischen Ästhetik.

Die rasante technische Entwicklung von Medientechnologien im letzten Jahrzehnt stellt medientheoretische Disziplinen vor enorme Herausforderungen, gilt es doch, technologische und psychologische Strukturdimensionen des Medialen adäquat zu erfassen und sinnvoll mit bildwissenschaftlichen sowie wahrnehmungs- und zeichentheoretischen Ansätzen analytisch zu verbinden. In dieser Orientierung konsolidierten sich bereits eigenständige Erklärungsansätze und Themenbereiche, wie die bewusste Fokussierung auf die anthropologischen Bedingungen des Visuellen, der Erfassung historischer und kunsttheoretischer Entwicklungsstufen von medialen Artefakten, der Akzentuierung auf Wahrnehmungsprozesse und phänomenologische Besonderheiten sowie die Analyse von Medien als Zeichen, deren zeichentheoretische Relation dann Bedeutungen und Botschaften ermöglicht.

Heutzutage korrespondiert die Vielfalt dieser produktiven und hilfreichen Ansätze nicht nur mit Einzelmedien, sondern mit einem komplexen System multimodaler, interaktiver und vernetzter Medientechnologien, die ihrerseits wiederum als Artefakte der Kommunikation in die globale Technosphäre (vgl. Haff 2014: 127), beschreibbar als „interlinked set of communication, transportation, bureaucratic and other systems that act to metabolize fossil fuels and other energy resources” (Haff 2013: 301), eingebunden sind. Die spezifische Materialität dieser komplexen Medientechnologien, beispielsweise bei immersiven Raumerfahrungen durch head mounted displays, olfactory interfaces zur Generierung augmentierten Geschmacks (z.B. MetaCookie+, Tokio University) oder Holographiesystemen mit taktiler Kraftrückmeldung durch Ultraschall (z.B. HaptoMime, Tokio University), ermöglicht hierbei medieninduzierte und virtuelle Wahrnehmungsereignisse durch eine multimodale Sinnesadressierung.

Medien der Technosphäre scheinen demnach oftmals einen erweiterten Aktionsradius auf materieller Ebene zu besitzen, wobei der Verbindung von Mensch und Medium eine medienmaterialistische Schlüsselfunktion zugesprochen werden kann: „The ultimate goal of VR interface design is nothing less than the full immersion of the human sensorimotor channels into a vivid computer-generated experience. In the ideal system, the body is wrapped in communication and pulsates with information” (Biocca/Levy 1995: 17). Das Konzept von Kommunikation und Information wird hier als Bezugs- und Bestimmungsgröße der Medienmaterialität ausgewiesen und von dieser abhängig, denn wenn sich Kommunikationssysteme weiterentwickeln „the codes and information in the interface must receive more and more attention. Communication researchers will have to better understand the psychosemiotics of VR to meet the human factors design challenges of the technology (Biocca/Levy 1995: 18).

Der Vortrag will sich explizit mit dem Verhältnis von Signal, Information und Medienmaterialität befassen, um die kommunikative Strukturlogik von Medien noch vor aller Bedeutungszuordnung oder interpretativ-semantischen Prozessen zu erfassen. Ausgehend vom Theoriemodell der Phänosemiose (vgl. Grabbe 2015) wird mittels wahrnehmungstheoretischer und semiotischer Strukturübersicht eine ganzheitliche Perspektivierung der Medientechnologie HaptoMime (Tokio University) vorgestellt werden. Das an der kybernetischen und informationstheoretischen Ästhetik orientierte Analyseschema der Phänosemiose hat dabei explizit zum Ziel, zunächst die partizipierenden und ausgeprägten Variablen der Medienmaterialität zu kennzeichnen und darüber hinaus Auskunft über die auffindbaren Systemebenen der verschiedenen wahrnehmungs- und zeichenbasierten Relationen zu geben die über spezifische Signale individuelle Informationen und Zeichen verfügbar machen:

„Geht man hier von den materialen Elementen der Signale eines emittierenden Objekts aus, so erfolgen die semiotischen Apperzeptionen im perzipierenden Bewußtsein nach einem Schema, nach dem gegebene Signale dadurch zu Zeichen werden, daß sie erst als Mittel, dann im Bezug auf das Objekt und schließlich im Bezug auf den Empfänger (bzw. Interpretanten) zu Zeichen erklärt werden“ (Bense 1969: 12).

Diese Vorgehensweise ist explizit technisch und medienmaterialistisch orientiert, da sie versucht systematisch relevante Bezugsgrößen des Mediums in Beziehung miteinander zu setzen, was wiederum einen grundlegenden Ansatz im Kontext der Erstellung von Zustandsmodellen innerhalb von Kybernetik und informationstheoretischer Ästhetik darstellt:

„Die <Informationsäthetik> , die mit semiotischen und mathematischen Mitteln arbeitet, kennzeichnet die <ästhetischen Zustände>, die an Naturgegenständen, künstlerischen Objekten, Kunstwerken oder Design beobachtbar sind, durch Zahlenwerte und Zeichenklassen, das heißt aber, sie definiert sie als eine besondere Art von <Information>, eben als <ästhetische Information>, die relativ zu einer Quelle, das heißt einem Repertoire von Elementen oder materialen Mitteln gebildet wird. Die Theorie widmet sich zwar vorwiegend <materialen> Problemen, ignoriert aber keineswegs die <intentionalen>« (Bense 1969: 7).

Während wir es demnach bei einem regulären Zeichen (Z) mit einem Systemgefüge bzw. einer Zeichenrelation (r) aus Mittel (m), Objektbezug (o) und Interpretant (i) zu tun haben, demnach als Z = r (m, o, i) formelhaft dargestellt (vgl. Seel 1991: 14), erweitert die Phänosemiose (ps) diesen Ansatz um die zentralen Bezugsgrößen von interactivity (int) und vividness (v) aus dem Gebiet der VR- und Telepräsenz-Forschung (vgl. Steuer 1995), wobei die systematische Ordnungsfunktion der sensorischen Wahrnehmung (s) und die Ausbildung der perzeptuellen Erfahrungswirklichkeit (p) ebenfalls zentrale Beschreibungsgrößen darstellen (vgl. Mausfeld 2010). Die Erklärung der phänosemiotischen Zeichenrelation mit den einzelnen Strukturebenen bildet einen Hauptbestandteil des Vortrags:

ps = r1 [rep ∧ o = int (r2 (sp, ra, ma)) ∧ i (r2 (s (r3a (tac, vis, aud, olf, gust) ∧ r3b (prop, visc, therm, noci)) ∧ p (r3c (Now, HP, RHP, SHP)))) = v (r2 (b = i, d))].

 

Trotz der technischen Komplexität können interaktive und multimodale Mediensysteme über ihre Materialität bestimmt werden, denn diese stellt die Signale für die komplexen Informationen und den Informationstransfer zur Verfügung. Ein multimodales Medium wird so zum klassifizierbaren Medienverbund: Ein Dataversum in welchem die Vernetzung von Technologie, Signal, Information, Zeichen und Sinnesadressierung eine eigenständige Technosphäre ausformt die einer sinnvollen Beschreibung zugänglich ist.

 

Lars Christian Grabbe: Dr., Studium der Philosophie, Soziologie und Neue Deutsche Literaturwissenschaft und Medienwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). 2011 Promotion an der Technischen Universität Chemnitz am Fachbereich Philoso­phie mit dem Schwerpunkt Kognitionswissenschaften. Seit 2010 Lehrbeauftragter für Theorie und Geschichte symbolischer Formen am Instituts für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften (IKDM) der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel. Ab 2014 Dozent für Medientheorie- und Kommunikation an der MSD – Münster School of Design der Fachhochschule Münster. Dort seit September 2014 Vertretungsprofessor für Theorie der Wahrnehmung, Medien und Kommunikation. Er ist Managing Editor des Yearbook of Moving Image Studies (YoMIS), Gründungsmitglied des Bildwissenschaftlichen Kolloquiums an der CAU zu Kiel sowie der Forschungsgruppe Be­wegtbildwissenschaft Kiel (FBK), Wissenschaftlicher Beirat sowie Mitglied im erweiterten Vorstand der Gesellschaft für interdisziplinäre Bildwissenschaft e.V. Forschungsschwerpunkte: Phänosemiose, Medi­entheorie und -philosophie, Bildwissenschaft, Wahrnehmungstheorie, Kommunikationstheorie, Ästhetik, Semiotik, Filmwissenschaft. Aus­gewählte Publikationen: IMAGE – Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwis­senschaft, 17/1 (2013, herausgegeben mit Rebecca Borschtschow und Patrick Rupert-Kruse); Multimodale Bilder. Zur synkretistischen Struktur des Filmischen (2013, herausgegeben mit Patrick Rupert-Kruse und Norbert M. Schmitz); Auf dem Sprung zum bewegten Bild. Narration, Serie und (proto-)filmische Apparate (2014, herausgegeben mit Dimitri Liebsch und Patrick Rupert-Kruse); Bild und Interface. Zur sinnlichen Wahrneh­mung digitaler Visualität (2015, herausgegeben mit Patrick Rupert-Kruse und Norbert M. Schmitz); Yearbook of Moving Image Studies. Cyborgian Images. The Moving Image between Apparatus and Body (2015, herausgegeben mit Patrick Rupert-Kruse und Norbert M. Schmitz).

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