Stefanie Johns

Stefanie Johns: Über hybride Live-Bilder. Das Live-Bild als bild- und medientheoretische Reibungsfläche zwischen Ermächtigung und Entmächtigung.

 

Ich bin on – ich bin live: Nach oben scrollen, mit F5 den Browser refreshen, die Timeline nach Neuigkeiten abscannen oder die Pop-Up-Fenster, die bereits während des Surfens auf aktualisierte Inhalte der Startseite verweisen – all diese Phänomene können als Indikatoren und Praktiken eines Begehrens nach dem Live-Zustand betrachtet werden, der längst auch die körperliche Präsenz einschließt, die Konvergenz von Seinszeit und Echtzeit. Um sich möglichst nah an ein Präsens heranzubringen, welches sich aus der Imagination des Next speist, werden Praktiken des Aktualisierens ausgeübt und damit unaufhörlich Vergangenes erzeugt. Durch ein Teilen des Live-Seins in Form von Markierungen (z. B. Posts) steigert sich dessen Wahrheitsgehalt. Aktualisierungen lassen sich als Zustandsmarkierung verstehen, die sich mit ihrer Hervorbringung zugleich einer wirklichkeitskonstruierenden Wahrheit verschreiben und Sich-Im-Jetzt-Nicht-Halten-Könnend in den Speicher des Vergangenen übergleiten.

Bildliche Re-präsentationen eines Jetzt als Präsentationen einer Gegenwart zu artikulieren, verdeutlicht die miteinander konvergierenden Zustände eines Live-Bildes: als jetzt und zugleich gedacht, konstituiert sich ein mediales und materiales Hybrid, das auf den Screens diffuse Grenzen zwischen einem Bildlichen und dem Visuellen eröffnet. Das Phänomen Live-Bild kann als kontrastierendes Moment jener bildtheoretischer Überlegungen herangezogen werden, die in ihrer Argumentation ein Anderes des Bildlichen einführen, um daran eine Metaphorik des Bildlichen zu entwickeln. Dieses Andere, durch das sich das Bildliche erst konstituiert, verortet Rancière in seiner Formung eines Nicht-Bildes in Gestalt des Visuellen. Die Differenz bestehe darin, dass das Bild sich auf ein Anderes, das Visuelle sich hingegen nur auf sich selbst beziehe. Durch fehlende Referentialität wird das Visuelle allein dem Sehen zugeordnet.

In der gedanklichen Konstruktion eines simplen Experiments tritt die bildtheoretische Spezifik des Phänomens Live-Bild hervor: Treffen Ereignis und bildliche Live-Übertragung des Ereignisses aufeinander, können daran visuelle, bildliche, körperliche, räumliche sowie zeitliche Erfahrungen auskristallisieren. Wird das Experiment als Projektionsfläche verstanden, kann es als Reflexionsmoment für bildlich-visuelle Schwellenmomente und deren mediale Bestimmtheit betrachtet werden. Fallen Ereignis und Aufnahme, Präsentation und Repräsentation zusammen wird die Live-Übertragung auch zur Verdoppelung der Welt und als Gleichzeitigkeit von virtueller und aktueller Realität denkbar.

Überträgt sich durch Live-Bilderfahrungen die Symptomatik der in Echtzeit widerfahrenen Bildlichkeit auf das Visuelle oder empfinden wir daneben auch andere Bilder als live, so zeigt dies ein Amalgamieren von Realitäten. Deren affektive und evokative Potentiale erzeugen Rivalitäten mehrerer gleichzeitiger Jetzts, die, wenn sie sich als Hierarchien ausbilden, besonders in Hinblick auf ihre Machtstrukturen zu untersuchen sind.

“We have no control over the outcome since it’s live.” So kommentierten die Produzenten der At Night Studios das erste auf Facebook veröffentlichte Live-Stream-Musikvideo. Der dreiminütige One-Shot ist Ausdruck eines Echtzeit-Hypes und wird zum zarten Spiegel der Machtgeflechte jeglicher Live-Konstrukte: Das Live-Bild ermächtigt sich in besonderer Weise unserer Aufmerksamkeit, indem es eine vermeintlich objektive Aktualität, fehlende Manipulation und eine Form von absoluter realness suggeriert, welche uns zunächst nur aus unserer aktuellen Präsenz vertraut ist. Entgegnet man dem Live-Bild dessen mediale Übertragungsverzögerung als genuine Verschiebung, so nivelliert sich diese auf der Rezeptionsebene, wenn sich der Betrachter in annähernd partizipativer Involviertheit dem Ereignis der raumzeitlichen Verschiebung hingibt. So erzeugt sich bei den Widerfahrenen eine Modifikation der kommunikativen und rezeptiven Dimensionen, indem die Übertragung in Echtzeit die Feedback-Schleife mit den Benutzern zu einer interaktiven Situation schließe. Als neu konturierter Aktionsraum bedarf es der Frage nach Reflexionsmomenten, die schnell auf eine vom Live-Bild ausgehende Polarität von Ermächtigung und Entmächtigung verweisen: „Etwas anzublicken, ist ein Akt der Ermächtigung; das Angeblicktwerden jedoch, vielleicht gar: diesem Blick auszuweichen, ist – nicht selten – das Erlebnis einer Entmächtigung.“6 In der als raumzeitliche Krümmung gedachten Spezifik der Live-Übertragung wird die als schützender Mediengraben zu betrachtende Zuschreibung von Bildlichkeit angegriffen. Betreten wir das Livelife nicht mehr nur als bildliche Realität, sondern als visuelle Realität müsste sich in Rückschluss auf Rancière ein referenzloses Präsens einstellen. In meinem Beitrag möchte ich durch eine parallele Live-Projektion meines Beitrages erfahrbar machen, was ich theoretisch zum Live-Bild entwickle.

 

Stefanie Johns: Ist seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Kunstpädagogik und Visuelle Bildung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Promotionsprojekt zur Bilderfahrung. 2007-2013 Studium der Fächer Germanistik, Erziehungswissenschaft und Bildende Kunst im Rahmen des Lehramtsstudiums (Gymnasium) an der Universität Hamburg und der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

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