Jennifer Eickelmann

Jennifer Eickelmann: Das Bild als Drohung. Zur Materialität mediatisierter Missachtung im Netz.

 

‚Hate Speech‘ – oder weniger normativ besetzt: ‚mediatisierte Missachtung‘ – im Netz gehört längst zum Alltag der Technosphäre. Für das Phänomen mediatisierte Missachtung, verstanden als potenziell gewaltförmige Praxis multimedialer wie multimodaler Herabsetzung, ist die Medialität des Internet konstitutiv: Als ziffernbasiertes Codiersystem (Haber 2010: 121) bilden Daten die Grundlage der Digitalität. Daraus ergibt sich, dass im Kontext digitaler Technologien unter-schiedlichste Modi der Anrede und somit der performativen Herstellung von Subjektivität in Form unterschiedlicher Medienapplikationen nebeneinander existieren. (Bewegte) Bilder geraten damit als digitale und multimodale Zeichensysteme in den Blick. Im Kontext mediatisierter Missachtung entfalten sich Bilder nicht selten als Drohung. Die Drohung der Bilder als Aspekt multimodaler Herabsetzung zeichnet sich durch die Besonderheit aus, dass sie antizipierte oder auch imaginierte künftige Ereignisse konstituieren, die unmittelbar an die Realität der Adressierten geknüpft ist. Image Boards wie 4CHAN, die gemeinhin als Dreh- und Angelpunkt einer „Toxic Technoculture“ (Massanari 2015: 1) diskursiviert werden, markieren daher die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Bildern, welche ihr Werden von ihren Effekten her denkt.

Theoretisch ist der geplante Beitrag an der gemeinsamen Relektüre der Arbeiten von Judith Butler und Karen Barad orientiert. Judith Butlers Ausführungen zur performativen Herstellung vergeschlechtlichter Subjektivitäten sowie ihrer performativitätstheoretischen Diskussion verletzender Rede werden genutzt, um die Konstitution und Effektivität des ‚benennende Rufs´ (Butler 2006: 15) zu diskutieren. Die Anreicherung des Butler’schen Ansatzes durch die Arbeiten von Karen Barad erlaubt es, ein Begriffsinstrumentarium nutzen zu können, welches Medientechnologie als produktive Apparatur sowie die Materialität derselbigen berücksichtigt (Barad 1998: 98). (Bewegte) Bilder können somit als medientechnologisch bedingter Modus der Anrede begriffen werden. Mit Butler und Barad davon ausgehend, dass die Überwindung der Dualismen Virtualität und Realität bzw. Textualität und Materialität produktiv zu sein verspricht, geht der Vortrag folglich von einem Bildverständnis aus, welches nicht ‚lediglich‘ die Narration der Bilder in Anschlag bringt, sondern das konstitutive Verhältnis von Narrativen und Materialitäten.

Methodisch folgt der geplante Beitrag einem diffraktiven Design in Anlehnung an die Arbeiten von Donna Haraway (Haraway 1992; Deuber-Mankowsky 2011). Die Methode der Diffraktion strebt erstens das Durch-einander-hindurch-lesen unterschiedlicher theoretischer Annahmen an. Zweitens hat sie zum Ziel, analytische Sphären – wie Theorie/Empirie, Virtualität/Realität sowie Textualität/Materialität nicht zu reproduzieren, sondern miteinander zu lesen, zu konfrontieren und zu synthetisieren. Die Methodologie der Diffraktion soll dazu dienlich sein, relationale und genealogische Verbindungen von Medientechnologie und Subjekt ausfindig machen und diskutieren zu können, um möglichst perspektivische Streuungen, d.h. Interferenzmuster, zu generieren.

Der geplante Vortrag hat in Anlehnung daran erstens zum Ziel, die Effektivität visueller Adressierungen zu diskutieren. Als Beispiel soll auf das Adressierungsgeschehen im Kontext von #Gamergate fokussiert werden. Dabei rücken das Bild sowie interaktive Visualisierungen als Drohung in den Fokus, insbesondere als Vergewaltigungs- und/oder Morddrohung. Es wird zu zeigen sein, dass jene virtuelle Bilder ‚eindeutig reale Effekte zeitigen‘ (Deuber-Mankowksy 2001: 49). Jene Materialität von Bildern soll insbesondere im Hinblick auf a) Territorialisierungsbewegungen, verstanden als Anordnungs-bewegungen von Körpern im Raum (z.B. die Meidung als gefährlich eingestufter Räume) und b) die Reg(ul)ierung von Affekten als Teil des Politischen (Ahmed 2014) betrachtet werden. Insbesondere Angst bzw. Furcht konstituieren sich über Distanz und schaffen gleichzeitig jene Distanz. Unter Berücksichtigung dieser territorialen wie affektiven Dimensionen der visuellen Drohung soll zugleich die Effektivität von (inter-aktiven) Bildern als Aspekt der Gouvernementalität von Technosubjekten konzeptionalisiert werden.

Zweitens soll jene Konzeptionalisierung zum Anlass genommen werden, um danach zu fragen, welche konstitutive Rolle Bildern im Hinblick auf die Verletzbarkeit von Cyborgs im Haraway’schen Sinne (Haraway 1995) zukommt. An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass Bilder keine Verletzung zufügen können, wie es z.B. ein Schlag ins Gesicht kann, wobei die gerötete Wange als Zeugnis für die Verletzungskraft physischer Gewalt fungiert. Dennoch, so möchte ich argumentieren, können auch Bilder ‚wie ein Schlag ins Gesicht‘ wirksam werden, Leben verändern und sogar Existenzen bedrohen. In diesem Sinne sind Bilder nicht ‚nur‘ als Bilder bedeutsam, sondern – performativitätstheoretisch verstanden – eben auch als Bilder, die Handlung sind und somit gleichermaßen konstitutiv ihre Materialisierung bedingen. Damit verweisen Bilder als Teil des Adressierungsgeschehens mediatisierter Missachtung auch auf die Verletzbarkeit von Technosubjekten, die nur dann zu plausibilisieren ist, wenn man sie von ihren materialen Effekten her denkt.

In einem dritten Schritt soll danach gefragt werden, welche Strategien der resignifizierenden Wiederaneignung (Butler 2006: 251) von Bildern im Kontext digitaler Internettechnologien denkbar sind, denn zentral scheint, dass sich Bilder und ihre Effekte nicht kausal festschreiben lassen: Bilder markieren vielmehr diskursiv-materielle Kontingenz.

Abschließend sollen jene Überlegungen zum Anlass genommen werden, allgemeinere Gedanken zur Produktivität einer performativitätstheoretisch geleiteten, materialen Bildtheorie im Kontext der Technosphäre, welche das Bild im Spiegel seiner Effektivität betrachtet, zu formulieren.

 

Jennifer Eickelmann: M.A., studierte Erziehungswissenschaft, Sozialpsychologie-/anthropologie und Gender Studies mit Schwerpunkt Medien an der Ruhr-Universität Bochum. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der TU Dortmund. Derzeit Promotion mit dem Arbeitstitel ‘Mediatisierung wiederholender Kulturpraktiken im Web 2.0′. Studium der Erziehungswissenschaft, Sozialpsychologie und -anthropologie und Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. 2010 Master of Arts an der Fakultät für Sozialwissenschaften. 2009-2011 Mitarbeiterin im Projekt “LeWI” am Hochschuldidaktischen Zentrum (Zentrum für HochschulBildung) der TU Dortmund. Seit September 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie (Prof. Dr. Nicole Burzan) der TU Dortmund. Derzeit Promotion (Arbeitstitel: “Hate Speech und die (Re-)Produktion von Gender im Netz”). Seit Juni 2013 stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät 12.

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