Nicolas Oxen

Nicolas Oxen: Specious Presence – Ein prozessphilosophischer Blick auf die Temporalität und Multimodalität des digitalen Bewegtbildes.

 

Instabile Bildphänomene wie sogenannte „glitches“ in Skype-Konversationen oder pulsierende Un/Schärfe-Effekte im Online-Streaming sind Symptome unserer digitalen visuellen Kultur, in der „Bildqualität“ nicht mehr nur eine rein technische Frage ist. Gute oder schlechte „Verbindungen“ verändern unsere ästhetische Beziehung zum Bild ebenso, wie den Umgang mit Bilder in unseren sozialen Beziehungen innerhalb digitaler Medienumwelten.

Instabile Bildphänomene erfordern, wie ich in meinem Beitrag zeigen möchte, ein Denken der Relationalität und der Prozessualität. Unter Relationalität verstehe ich dabei ebenso den sinnlichen Bezug zwischen Bild und Rezipient, wie auch die technische Beziehungshaftigkeit des Bildes als Datensatz, d.h. die Abhängigkeit der Erscheinungsweisen des Bildes von verschiedenen Formaten und Devices. Unter Prozessualität verstehe ich sowohl die technische Prozessierung des digitalen Bildes, als auch die Wahrnehmung des Bildes als ein nicht rein optischer, sondern multisensorischer und nicht zuletzt algorithmisch gesteuerter Prozess.

Die bisherigen Forschungsbeiträge zu instabilen Bildphänomenen machen die phänomenale und semiotische Ambivalenz dieses Phänomens ebenso deutlich, wie deren Bedeutung für die Wende vom analogen zum digitalen technischen Bild. Während Wolfgang Ulrich eine facettenreiche „Geschichte der Unschärfe“ (Ullrich, 2002) vorgelegt hat, die medientechnische Grundlagen derselben dabei aber weitgehend vernachlässigt, ist das „poor image“ (Steyerl, 2011) für die Künstlerin Hito Steyerl Ausdruck einer postkinematographischen Bildökonomie und Bildpolitik. In ähnlicher Weise spricht Daniel Palmer dem JPEG-Format eine eigene technische Rhetorik des nur indirekt Wahrnehmbaren zu (Palmer, 2013), wobei gerade Kompressionsartefakte auf die Zirkulationsbewegungen des digitalen Bildes hinweisen. Mit Bezug auf die Wende vom analogen zum digitalen Kino hat Barbara Flückinger gezeigt, wie unscharfe Bildphänomene auf der einen Seite beispielsweise den spezifischen „Look“ einer historischen Zeit emulieren, auf der anderen Seite aber auch dazu dienen, das überscharfe digitale Bild den Sehgewohnheiten der Zuschauer anzupassen oder mangelhafte CGI-Effekte im Wortsinne zu verschleiern (Flückiger, 2004). Mit Blick auf die analoge Fotografie nimmt Peter Geimer deren „Störungen“ zum Anlass die nicht-intentionalen und automatischen Aspekte des fotografischen Bildes stärker hervorzuheben und die Schlieren und Schleier des fotografischen Bildes in ihrer epistemischen Ambivalenz von Fakt und Artefakt darzustellen (Geimer, 2002; 2010).

Diesen sehr verschiedenen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie instabile Bildphänomene überwiegend als akzidentielle „Effekte“ oder „Störungen“ des Bildes denken und damit einem Bildbegriff verhaftet bleiben, welcher der zeitlichen Existenzweise des digitalen Bewegtbildes meiner Ansicht nach nicht gerecht wird.

Demgegenüber geht mein Beitrag von der auf den ersten Blick recht einfachen Beobachtung aus, dass „Bilder“ im digitalen Zeitalter nicht mehr als materielle statische Objekte (Rodowick, 2007) gedacht werden können, sondern mit Blick auf die zeitlichen, medientechnischen Umformungsprozesse und ihre Zirkulationsbewegungen in medientechnischen Netzwerken eher als „Zustände“ oder „Ereignisse“ gefasst werden müssen.

Für eine prozessphilosophische Betrachtung des digitalen Bewegtbildes möchte ich an Arbeiten anschließen, die pragmatistisches und prozessphilosophisches Denken für die Medientheorie und Medienästhetik anschlussfähig gemacht haben, beispielsweise Brian Massumis Relektüre von William James’ Radikalem Empirismus (Massumi, 2002), den auch Adrian Mackenzie (Mackenzie, 2010) für die Beschreibung digitaler Medienumwelten nutzt. Für den Aspekt der technischen Prozessierung des Bildes und des nichtmenschlichen Einflusses auf dessen Erscheinungsform, scheint mir Mark B. Hansens Abkehr vom starken Subjektbegriff der Phänomenologie und seine mit Whitehead vorgenommene Theoretisierung „smarter“ Medienumgebungen (Hansen, 2015) ebenso interessant, wie Timothy Scott Barkers (Scott Barker, 2012) Analyse der Zeitstrukturen digitaler Kultur, die sich ebenfalls auf Whiteheads Prozessphilosophie bezieht.

Mein Beitrag nimmt mit dem Begriff der „Specious presence“ eine Abwandlung von William James’ Konzept des „specious present“ (James 2015: 609) vor. Mit James geht es mir nicht nur rein zeittheoretisch um eine „trügerische Gegenwart“, sondern auch bildtheoretisch um die „trügerische Präsenz“ digitaler Bewegtbilder, deren hintergründige und nicht-wahrnehmbare zeitliche Prozessierung in Momenten der Störung und des Glitches nicht nur überhaupt sichtbar, sondern auch zu einem eigenen und eigenwilligen Bildereignis wird.

Zeitwahrnehmung ist bei James in einem physiologischen und psychischen Sinne als „emotional feeling“ (James 2015: 618) gedacht, was die Idee eines körperbezogenen Rhythmus der Wahrnehmung ebenso einschließt, wie auch emotionale Zustände und Stimmungen. James’ Konzeption eines körperlich fundierten Zeitbewusstseins steht – wie auch Melanie Sehgal (Sehgal, 2016) gezeigt hat – in einem engen Zusammenhang zur Prozessphilosophie Alfred N. Whiteheads. Was James und Whitehead meiner Ansicht nach in diesem Punkt verbindet und für die Theoretisierung instabiler Bildlichkeit einschlägig macht, ist ihre Betonung der Vagheit als Aspekt einer körperlich vermittelte Zeiterfahrung. Vagheit ist bei James und Whitehead kein ausgearbeitetes Konzept, sondern, den instabilen Bildphänomenen ähnlich, eher ein marginaler Aspekt ihrer Theoriebildung – weder nur Metapher noch ausgearbeitetes Konzept. Bei James findet sie sich in dem Kapitel zum „Stream of Thought“ geforderten „re-instatement of the vague to its proper place in our mental life“ (James 2015: 254) ebenso wieder, wie in Whiteheads Charakterisierung der Vagheit als körperlich vermittelte Erfahrungsdimension eines sinnlichen In-Beziehung-Stehens mit der Wahrnehmungsumwelt (Vgl. Whitehead [1927] 2000: 102f. sowie: Whitehead [1929] 1987: Kap. VIII).

Aus dieser medienphilosophischen Doppelperspektive, die die Analyse konkreter Bildphänomene ebenso ernst nimmt, wie die Bildlichkeit des philosophischen Denkens, möchte mein Beitrag versuchen, die Relationalität und Prozesshaftigkeit digitaler Bildlichkeit mit Blick auf instabile Bildphänomene darzustellen.

 

Nicolas Oxen: Seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie audiovisueller Medien (Prof. Dr. Christiane Voss) an der Bauhaus-Universität Weimar. Von 2007 bis 2010 dt.-frz. Bachelor-Studium „Europäischen Medienkultur“ an der Bauhaus-Universität Weimar und der Université Lyon Lumière 2 in Lyon. Von 2010-2013 Master-Studium „Kulturwissenschaftliche Medienforschung“ an der Bauhaus-Universität Weimar. Seit 2014 Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel: „Blurring – Technik und Ästhetik des instabilen Bildes“.

Forschungsschwerpunkte: Prozessphilosophie, Medientheorie und Medienästhetik, Filmtheorie, Digitale Kultur

Comments are closed.