Dimitri Liebsch

Dimitri Liebsch: Transgressionen. Philosophische Anmerkungen zu Theorie und Metatheorie des Bewegtbildes.

 

In Ausdrücken wie „cinématographie“, „motion picture“, „movie“ oder „Kino“, ganz zu schwei­gen von „Bewegtbild“ oder „Bewegungsbild“, ist der Bezug auf die Bewegung offensichtlich. Vergleichbares trifft auch für die Terminologie aus der Vorgeschichte des Films zu: so etwa bei „Lebensrad“ oder „Daedaleum“. Sich mit so bezeichneten Gegenständen zu befassen, scheint also auf den ersten Blick nichts anderes zu bedeuten, als vor allem eine spezifische Differenz Ernst zu nehmen und eine besondere Art der Gattung Bild zu analysieren. Die Verhältnisse schei­nen jedoch nur so einfach zu sein.

In meinem Beitrag werde ich daher in einem (umfangreicheren) ersten Schritt die These entfal­ten, dass und inwiefern gerade die philosophische Analyse die Prämisse dieser spezifischen Diffe­renz immer schon in Frage zu stellen und zu überschreiten versucht. Dabei wird es sich um Bemer­kungen zur Theorie des Bewegtbilds handeln. Zu berücksichtigen sind dabei auf philosophi­scher Seite insbesondere poststrukturalistische Impulse (namentlich diejenigen von Gilles De­leuze), analytische Ansätze (teils mit kognitivistischer Ausrichtung wie bei Noël Carroll, teils mit eher symboltheoretischem bzw. semiotischem Einschlag wie im Anschluss an Nelson Goodman) so­wie diverse Spielarten der Phänomenologie (die sich einerseits auf Edmund Husserl, anderer­seits auf Maurice Merleau-Ponty berufen).

Die gravierendste, allerdings auch die diskussionsbedürftigste Transgression findet sich in De­leuzes Bestimmung des  „Bewegungs-Bildes“ (1983), das auch eine Inversion von Allgemei­nem und Besonderem beinhaltet. Demnach ist das „Bewegungs-Bild“ kein Sonderfall des Bildes, sondern das Allgemeinste überhaupt, denn Bewegung und Bild werden hier im Anschluss an Henri Bergson miteinander identifiziert und als Baustein(e) des Universums begriffen – was wiede­rum das Universum als „Film an sich“ oder als „Meta-Film“ erscheinen lässt. Außer der riskanten ontologischen Aufwertung des Bewegtbildes leitet Deleuze damit eine Diskussion dar­über an, auf welchen Prämissen unsere gängige Vorstellung von der Materialität des Bewegtbildes be­ruht.

Eine bereits ältere, zunächst an statischen Bildern entwickelte Transgression lässt sich aus Husserls (1980) Unterscheidung zwischen „physischem Bild“ und „Bildsujet“ gewinnen (bzw. nach Lambert Wiesing (2005) zwischen „Bildträger“ und „Bildobjekt“). Übertragen auf den Fall der Bewegtbildes können wir einerseits nach Bildträgern suchen wie etwa Filmstreifen, Projek­tionen auf Leinwänden oder Monitorbildern. Anderseits können wir nach Bildobjekten fragen und sie beispielsweise in Synthesen gemäß dem sogenannten Kuleschow-Effekt finden (Merleau-Ponty 1945), in „unsichtbaren Bildern“ im Sinne Sergej Eisensteins (vgl. Bulgakowa 2006) oder in je­nen komplexen Aggregaten, die sich der Tätigkeit unseres Bewusstseins (insbesondere von Fanta­sie und Erinnerung) beim Sehen ganzer Filme verdanken. Vor dem Hintergrund der Husserlschen Unterscheidung müssen wir also nicht allein mit einer Pluralität von Medien rech­nen, soweit es die Bildträger betrifft, wir haben darüber hinaus als Medium bewegter Bilder im­mer auch noch unser Bewusstsein zu berücksichtigen.

Zu den terminologischen Verlegenheiten zählt, dass „Bewegtbild“ – wie auch „motion picture“ oder „movie“ – im Gros der Verwendungsfälle ein figurativer Ausdruck ist. Genauer gesagt handelt es sich dabei um ein pars pro toto, bei dem der visuelle Modus (präsentiert durch die Rede vom „Bild“) in der Regel für ein multimodales Ganzes steht, in dem der auditive Modus (Sprache, Geräusch, Musik) ebenfalls ein entscheidende Rolle spielt. Ausgehend von Merleau-Ponty hat u.a. Vivian Sobchack (2004) daher die Multimodalität der (Welt- und) Filmerfahrung zum Anlass für eine weitere Transgression genommen und statt des Auges den ganzen Körper als sensorium commune für die Wahrnehmung von Bewegtbildern in Anschlag gebracht. Wie der Abgleich mit der analytischen Philosophie zeigt, ist jedoch keineswegs unstrittig, wie weit der Körper durch Bewegtbilder in Anspruch genommen wird; Carroll (2008) beispielsweise macht hier sogar einen „disembodied view“ geltend.

Im abschließenden zweiten Schritt werde ich mich zwei metatheoretischen Fragen widmen. Die erste be­trifft die Kompatibilität der Transgressionen: Lassen sich die aus unterschiedlichen Strömun­gen stammenden Analysen des Bewegtbildes zu einer übergreifenden zusammenschließen, oder können sie zumindest als Typen einer kohärenten Typologie erfasst werden, oder bleibt der Be­griff des Bewegtbildes heterogen, etwa im Sinne von „Familienähnlichkeit“ (Ludwig Wittgenstein 1984) oder „wesentlich umstrittenem Begriff“ (Walter Bryce Gallie 1956)? Die zweite zielt auf die Zu­kunft dieses Begriffs: Bietet es sich angesichts von Multimodalität und Medialität des Bewegt­bildes nicht an, eine letzte Transgression zu vollziehen und anstatt von „Bewegtbildern“ beispiels­weise – wie es Daniel Yacavone (2015) im Anschluss u.a. an Nelson Goodman vorgeschla­gen hat – von „film worlds“ zu reden?

 

Dimiri Liebsch: Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik und Promotion in Philosophie 1999 an der Ruhr-Universität Bochum. Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent in Deutschland (Ruhr-Universität Bochum, Fachhochschulen für Öffentliche Verwaltung in Duisburg und Hagen, Westfälische Wilhelms-Universität Münster) und Assistant Professor in den USA (Oglethorpe University in Atlanta, Georgia), derzeit Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum. Schatzmeister der Gesellschaft für interdisziplinäre Bildwissenschaft.

Publikationen neben Aufsätzen in Print und im Netz: Die Geburt der ästhetischen Bildung aus dem Körper der antiken Plastik. Zur Bildungssemantik im ästhetischen Diskurs zwischen 1750 und 1800 (2001). Als Herausgeber: Philosophie des Films. Grundlagentexte (2005). Als Co-Herausgeber: Visual Culture Revisited. German and American Perspectives on Visual Culture(s) (2006), Visualisierung und Erkenntnis. Bildverstehen und Bildverwenden in Natur- und Geisteswissenschaften (2012), Auf dem Sprung zum bewegten Bild. Narration, Serie und (proto-)filmische Apparate (2014), Glossar der Bildphilosophie (http://www.gib.uni-tuebingen.de/netzwerk/glossar [2009-2016]).

Forschungsgebiete: Ästhetik, Medientheorie, Sozialphilosophie, Visual Studies, Philosophie des Films, Philosophie der Kulturwissenschaften. Derzeit Arbeit an einer Studie über Bildsemantik und -metaphorik von der Antike bis zur Gegenwart

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